Glasmuseum Frauenau

Wege des Mittelalters

Der Rundgang durch Europa beginnt auf mittelalterlichen Handelssteigen durch das waldreiche Grenzgebirge zwischen Bayern und Böhmen. Dort siedelten sich Glashütten an, die in der Aufbruchsstimmung in den freien Reichstädten des Mittelalters neue Märkte für Trinkgefäße und farbiges Tafelglas fanden.

 

In den gotischen Kathedralen entfaltet sich die spirituelle Verbindung der irdischen zur himmlischen Stadt im Licht und den Bildprogrammen strahlender Glasmalereifenster – so wie sie sich im Regensburger Dom als Ausdruck einer gesamteuropäischen Kulturbewegung zwischen Prag und der französischen Gotik betrachten lassen.

 

 

An mittelalterliche Nuppengläser ebenso wie an die mächtigen Urwaldbäume des bayerisch-böhmischen Grenzgebirges erinnern die hochaufragenden, in Glas geblasenen Stämme, die den Weg begleiten. Sie sind bedruckt mit Zeugnissen der frühen Glashüttensiedlungen – Urkunden, Vertragsbriefen und Karten, deren kartografische Symbole für die Spiegel-, Hohl- und Perlenglashütten der Region sich in Glasgusseinlagen im Boden wiederholen. Ein gläserner Bischofsstab weist auf die Grundherrschaft und die Rodungs- und Siedlungstätigkeit der Kirche. Anhand der Grafik einer böhmischen Glashütte des 15. Jahrhunderts demonstriert eine interaktive Medienstation die Produktionsweisen und die Arbeitsteiligkeit dieser frühen gewerblich-industriellen Ansiedlungen. Audiotexte aus „De arte vitriaria“ des Mönchs Theophilus Presbyter aus dem Jahre 1123 machen deutlich, wie die Grundtechnologie des Glasmachens und des Handwerks der Glasmalerei in einem Jahrtausend gleich geblieben sind – trotz der erstaunlichen Wandlungsfähigkeit und Entwicklungen des Glases und seiner Gestaltungsmöglichkeiten.

Durch Zollschranken und Mautvorschriften führen die Wege der Glashändler aus den Grenzwäldern in die hell und hochstrebend inszenierte Stadt des Mittelalters. Die geschichteten Scherbenfunde archäologischer Grabungen (u.a. aus Regensburg und München) verleihen der Stadt historische Tiefe, ihre spirituelle Überhöhung erhält sie im modernen Bildfenster des „Himmlischen Jerusalem“.

Die Animation des Domfensters „Der Tod Mariens und ihre Aufnahme ihrer Seele in den Himmel“, ca. 1370-1380, entfaltet in einer weiteren interaktiven Medienstation die sozialen, kulturellen und spirituellen Dimensionen mittelalterlichen Stadtlebens. Im Nachvollzug der mittelalterlichen Wanderungen der Glasmaler (z.B. der Figur des Conradus Glaser aus Klattau im Böhmerwald), in der europaweiten Verbreitung ihrer Bildmotive in den Armenbibeln, und in den Austauschbeziehungen von Politik, Handel und Philosophie zeigt sich eine faszinierende Kultur der Grenzüberschreitung.

Ihr Untergang in den Bilderstürmen der Hussiten- und Reformationskriege wird im Glasmuseum mit einem Scherbengraben aus Glasmalereifragmenten aus der Münchner Salvatorkirche symbolisiert.